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Von der Wunderburg zur Traumbucht
Hätte
die Gottesmutter nicht im rechten Moment geholfen,
stünden heute wohl nur noch Stummel wie hohle
Backenzähne in den Himmel des Llevant über
Capdepera. Doch als im 14.Jahrhundert ein
besonders schwerer Piratenüberfall die Stadt
heimsuchte und die Bewohner schon völlig
verzweifelten, da nicht einmal die Burg sie vor
der mordenden und plündernden Meute beschützen zu
können schien, griffen sie zum letzten Mittel:
Sie holten eine kleine, schmächtige Madonnenfigur
aus der Burgkapelle, stellten sie auf die Zinnen
eines der Türme, und sofort senkte sich eine
weisse Nebelwand auf die Piraten. Die waren so
perplex, dass sie umgehend Fersengeld gaben und
das Weite suchten. Als Miracle de Capdepera, das
Wunder von Capdepera, wird dieses Ereigniss noch
immer in Liedern besungen, und die Madonna,
seitdem mit dem Beinamen Esperança, Hoffnung,
geschmückt, hat einen Ehrenplatz in der
Sant-Bartomeu-Kirche. Der Turm heisst seitdem
Torre de la Boira, Nebelturm, und dient als Pforte
in die wundersam gerettete Burg, die die grösste
Mallorcas und dank geschickter Restaurierungen
hervorragend erhalten ist.
Am Ort des Wunders will niemand leben |
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Weithin sichtbar wacht sie auf dem Berg Recó über
die Stadt und das Umland. Ihre Zinnen und Türme
glänzen warm und golden im Abendlicht. Dass ihre
Mauern ausser dem Gouverneurshaus, einen Wehrturm
und besagter Kapelle nichts zu schützen haben, hat
seinen Grund: Sie blieb seit 1300 mehr oder
weniger unbewohnt. Längst vorher hatten die Mauren
hier eine Befestigungsanlage unterhalten, die
während der Reconquista als eine der letzten an
die Christen fiel. In den Ruinen der maurischen
Burg empfing Jaume I. die arabischen Gesandten aus
Menorca, die ihm kampflos ihre Insel übergaben.
Schon wünschte er, die Burg solle wieder aufgebaut
und von den im Umkreis lebenden Bauern besiedelt
werden
Aber diese Pläne scheiterten. Weder Jaume II., der
den Mauerring verdoppeln liess, noch sein
Nachfolger Sanç I., der 1323 eine Kapelle in der
Burganlage errichten liess und zeitweise selbst
hier lebte, gelang es, die Bauern zum Umzug in die
Burg zu bewegen.
Griffen
Piraten an, suchten sie Zuflucht in der Burg,
zogen aber sofort wieder ab, sowie die Gefahr
vorüber war. Was aus der ehemals zersteuten
Besiedlung um die Burg geworden ist, offenbart
sich bei einem Rundgang über die Burgmauer: eine
geschäftige, florierende Stadt mit Treppengassen
voller Blumen und Kakteen, efeubewachsenen Mauern
und verträumten Hinterhöfen.
Langusten, Schwarzwälder Kirsch und moderne
Kunst
Cala
Ratjada ist nach wie vor Mallorcas wichtigster
Fischereihafen.
Am Ortsausgang fällt die Wahl schwer: nach Norden,
Richtung Cala Mesquida , durch eine Landschaft
voller wilder Oliven und Mastixsträuchern, in
denen Nachtigallen, Zaunkönige und Rotkehlchen
nisten, bis zur -noch- fast unbebauten Cala
Mesquida Bucht? Oder nach Osten, nach Cala
Ratjada?
Auch der Weg lohnt sich, obschon das
Fischerstädtchen sich seit Beginn des vor allem
deutschen Massentourismus mit immer neuen
Ortsteilen mehr und mehr Richtung Capdepera
ausdehnt ( Anm.d.Red.:mit dem Jahr 2000 sind wir
zusammengewachsen).Aber trotz der vor allem
sommerlichen Invasion von Badegästen, der
Omnipräsenz von Schwarzwälder Kirschtorte,
deutschen Autokennzeichen und Klingelschildern an
den Häusern hat Capdepera es geschafft, im Kern
seinen alten Hafen Charme zu bewahren - und seine
Stellung als zweitwichtigster Fischereihafen
Mallorcas, nach Palma.
Das
liegt vor allem daran, dass die Fischgründe in der
Meeresstrasse zwischen Mallorca und Menorca
unverändert reich sind an sehr begehrten Schätzen:
Langusten insbesondere, die in privaten wie
Restaurant-Küchen reissenden Absatz finden. So
dümpeln im wehrhaft befestigten Hafen llaüts und
Motoryachten, Trawler und Sportsegler friedlich
nebeneinander, und in den Cafés und Restaurants am
Hafen haben einheimische wie fremde Gáste ein
bühnenähnliches Panorama auf Bootsbauer und
Netzeflicker, auf die frisch angedockte Ware aus
dem Meer und die stolzen Yachtbesitzer beim
Messingputzen. Alle Politur ist allerdings
zwecklos bei einem seltsamen Haufen aus 21
rostigen Ankern am Kai: Die Skulptur des Franzosen
Arman ist ein Geschenk der March-Stiftung an die
Fischer.
Mehr moderne Bildhauerkunst wartet auf einem Hügel
über dem Hafen: Wo einst ein fensterloser und
daher blind genannter Wachturm aus dem
15.Jahrhundert stand, der torre cega, hat Joan
March ein Herrenhaus im traditionellen Stil
hinstellen lassen, das heute seinem Sohn Bartomeu
gehört.
Im 60.000 qm grossen Park drumherum, der
ausschliesslich mit Pflanzen der mediterranen
Fauna bewachsen ist, hat die March-Stiftung 53
Skulpturen aufgestellt, die meisten von spanischen
oder lateinamerikanischen Künstlern - ein Chillida
zum Beispiel -, aber auch Namen wie Auguste Rodin,
Max Bill und Henry Moore sind vertreten. Auf dem
Weg zum Leuchtturm an der Punta de Capdepera, die
sich vorwitzig nach Osten schiebt, als wolle sie
an Menorca schnüffeln, bleibt der Blick immer
wieder an von Pinien eingerahmten Bildern hängen -
im Süden am Cap Vermell, im Norden am Cap des
Freu, und direkt unterhalb des Weges folgt eine
Traumbucht der anderen: die Cala Moll und die Cala
Gat, wo es sogar bescheidene Getränke- und
Eisbuden gibt, etwas weiter die Cala Agulla mit
ihrem feinen Sandstrand und dem Dünengras, am Ende
die Cala de la Font... ganz ungestört sind sie
nicht mehr, aber immerhin noch soweit ab vom
grossen touristischen Schuss, dass so gut wie
jeder vor Entzücken einen Stossseufzer über Himmel
und Meer schickt.
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